Genießen, Literatur

Astrid Lindgren und „Das entschwundene Land“

Es gibt Bücher, die ich immer wieder lese, weil sie so besonders sind. „Das entschwundene Land“ ist eines davon. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin heißt die Autorin Astrid Lindgren, und was sie erzählt, ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte ihrer Eltern Samuel August und Hanna, die schon anfing, als Samuel August 13 und Hanna neun Jahre alt war. Auch wenn diese Liebe viele Jahre nur ein Traumgespinst von ihm war und er bis zu seinem 27. Lebensjahr warten musste, bis ihn Hanna erhörte.

Astrid Lindgrens Kindheit in Vimmerby

Gleichzeitig ist es auch die Geschichte einer besonderen Kindheit in der schwedischen Kleinstadt Vimmerby. Sie ist in viele Geschichten von Astrid Lindgren eingeflossen. Denn das „entschwundene Land“, das sie in diesem zauberhaften Buch beschreibt, ist das Land ihrer Kindheit. Eines, in dem es Knechte und Mägde gab, die zur Familie gehörten, in dem man Landstreichern begegnete, zur Sonntagsschule ging (sehr zum Missfallen der kleinen Astrid) und auf dem Hof Abenteuer erlebte, die Kinder heutzutage nicht mal mehr vom Handy aufgucken lassen.

Helden von Pippi bis Michel

Irgendwo muss sie ja herkommen, diese unbändige Kreativität, die Bücher wie „Pippi Langstrumpf“, „Ferien auf Saltkrokan“, „Michel aus Lönneberga“, „Ronja Räubertochter“ und „Die Brüder Löwenherz“ hervorbringen  konnte. „Das entschwundene Land“ erklärt es auf liebenswürdige Weise. Da geht es um kleine und große Erlebnisse, um Anteilnahme und um das große Abenteuer, das man nur zwischen Buchdeckeln findet. „Im Duft der Druckerschwärze“, so schrieb Astrid Lindgren, „wohnt das grenzenloseste aller Abenteuer.“

Der Duft von Büchern

Die Kindheit der Schwedin war reich. Nicht an Geld, aber an jener Liebe, die so viel Halt gibt, dass man ein Leben lang davon zehren kann. Und es war reich an Literatur. Sobald sie lesen konnte, steckte sie ihre Nase in Bücher. „Noch heute weiß ich“, schreibt sie im Kapitel „Es begann in Kristins Küche“, „wie diese Bücher rochen, wenn sie funkelnagelneu und frisch gedruckt ankamen, ja, denn zunächst einmal schnupperte man daran, und von allen Düften dieser Welt gab es keinen lieblicheren. Er war voller Vorgeschmack und Erwartungen.“ Wer selbst gern liest, der kann das nachempfinden. Und erinnert sich an Sätze, die so intensiv sind, dass man den darin beschriebenen Schnee auf der Haut spüren kann und die Gesichter der Romanhelden bald in- und auswendig kennt.

Phantasiewelten, die lebendig sind

Nie konnte uns eine Filmfigur so nahe kommen wie ein mit Hingabe beschriebenes Geschöpf aus einem Buch. Und Hingabe braucht es wahrhaftig, um Phantasiewelten zu erschaffen, die wirklich lebendig sind. Astrid Lindgren gehörte zu den Menschen, die ihre Umgebung intensiver wahrnahmen als andere.

Von Walderdbeeren und dem Duft frischen Brotes

Und so konnte sie von den fünf Walderdbeeren schreiben, deren Duft die ganze Fülle des Sommers enthalten. Und von Brotlaiben, die nach „Geborgenheit, nach traulichem Heim und Alltagsbehagen“ riechen. Wer das liest, spürt in sich, und da ist er, der süße Duft der Walderdbeeren. Und das Aroma des frischen Brotes. Alles Dinge, die in unserer schnellen Zeit, in der man so vieles nebenbei macht, oft gar nicht mehr wahrnimmt.

Die Welt von Bullerbü und Saltkrokan

Auch das macht die Bücher von Astrid Lindgren so besonders. Sie nehmen die Leser mit in die Welt von Bullerbü und Katthult und Saltkrokan, wo man Freundschaft schließt mit Lasse und Bosse und Michel und Pelle – egal, ob man zwölf Jahre alt ist oder 72.

Wie Pippi Langstrumpf entstand

Astrid Lindgren (1907­-2002) wollte eigentlich keine Bücher schreiben. Sie sagte einmal, sie hielte sich nicht dafür berufen, den Bücherstapel noch höher anwachsen zu lassen. Doch dann wurde im Winter 1941 ihre Tochter Karin krank und sagte einen Satz, der buchstäblich die Welt veränderte: „Erzähl‘ mir von Pippi Langstrumpf.“ Der Name war ihr einfach so eingefallen, und Mutter Astrid begann sofort, die freche rothaarige Göre zu beschreiben, die so ganz anders ist als all die Mädchen, die man bis dahin aus Büchern kannte. Pippi verwandelte die Stenografin in eine Schriftstellerin, die es am Ende ihres Lebens auf eine Gesamtauflage von über 145 Millionen Büchern gebracht hat.

Astrid Lindgrens Ratschläge für Kinderbuch-Autoren

Für viele Schriftsteller war und ist sie ein Vorbild. Aber all jenen, die meinen, es sei ja doch viel einfacher, Bücher für Kinder zu schreiben als für Erwachsene, treibt sie in einem Kapitel in „Das entschwundene Land“ diese Flausen auf liebenswürdige Weise aus dem Kopf. Und gibt ihnen zwei, drei ganz wunderbare Ratschläge. Ja, sie verrät sogar, wo ihre Ideen herkommen. So manche Figur ploppte einfach in ihren Kopf, andere haben Vorbilder im Dorf aus Astrid Lindgrens Kindheit. Aus dem Dorf, das man in „Das entschwundene Land“ ein bisschen kennenlernt. Und sofort ins Herz schließt.

„Das entschwundene Land“ – Infos

Das Buch im Oetinger-Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro, als Taschenbuch 7,99 Euro (das Foto oben zeigt die Taschenbuch-Version)

Weitere besondere Bücher:

Die Unendliche Geschichte

Ich an Dich

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