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Unterwegs mit „Erwin“: Das große Bulli-Abenteuer

Für manche Träume braucht man einen Begleiter. Und das darf auch gerne einer mit vier Rädern sein. Peter Gebhards Traum hatte etwas mit einem ganz besonderen Auto zu tun – einem VW Bulli T1. Und mit einer Tour, die mit einem solchen Oldtimer eine noch etwas größere Herausforderung war: Gemeinsam fuhren sie von Istanbul zum Nordkap. Was sie erlebten, kann man im Bildband „Das große Bulli-Abenteuer“ nachlesen.

15.000 Kilometer mit einem betagten Bulli T1

15.000 Kilometer lang ist die Strecke – auch mit einem modernen Auto wäre man eine ganze Weile unterwegs. Aber der Reisefotograf hatte nicht vor, einen Zeitrekord aufzustellen. Und das nicht nur, weil Bulli „Erwin“ mit seinen 43 Jahren nicht mehr der Schnellste ist. Sondern auch, weil Peter Gebhard (auf dem Foto links, mit seinem Assistenten) entlang der Strecke Menschen treffen wollte.

Oldimer-Fans unter sich

„Der Bulli“, erzählt Gebhard, „ist ein echter Sympathieträger.“ Überall strömten Menschen herbei und machten Fotos von dem Oldtimer. Und als „Erwin“ irgendwo in Kroatien eine Panne hatte, dauerte es nicht lange, bis ein ähnlich betagter VW-Käfer ankam und der Fahrer spontan seine Hilfe anbot. Er kannte einen Techniker, der mit diesen besonderen Autos Bescheid wusste. Zwei Tage später waren Gebhard und „Erwin“ – Letzterer mit neuem Motor und neuer Lichtmaschine – wieder unterwegs.

Interessante Begegnungen an der Strecke

Immer wieder waren es Begegnungen, die die Reise so besonders machten. In Albanien trafen sie die 16jährige Josefina, die sich mit Hilfe des deutschen Fernsehens allein Deutsch beigebracht hatte.

In Griechenland begegneten sie einer Bäckerin, die die ersten 16 Jahre ihres Lebens in Deutschland verbracht hatte. Und in Montenegro einem Gaunerpärchen, das beinahe Gebhards Fotoausrüstung geklaut hätte – die hübsche junge Frau war eine beeindruckend effektive Ablenkung.Glücklicherweise ging alles gut und die Frau ließ sich sogar für das Buch fotografieren.

Ganz besondere Menschen

In Berlin traf Gebhard gleich zwei bemerkenswerte Menschen: den 92jährigen Walter Frankenstein, der zur Nazizeit im Untergrund gelebt hatte, und einen anderen Herrn, der 1969 aus der DDR geflohen war. „Walter Frankenstein lebt heute in Stockholm“, sagt Gebhard, „aber der alte Herr kommt oft nach Berlin. Er hat mir seinen Judenstern gezeigt und erzählt, dass seine ganze Familie die Nazizeit überlebt hat.Trotz seines hohen Alters ist er unglaublich redegewandt und hält regelmäßig Vorträge.“

Ein DDR-Flüchtling erzählte aus seinem Leben

Der Flüchtling, den er traf, heißt Hubert Peuker und stammt aus Jena. 1969 fotografierte er heimlich die DDR-Grenze von Ostberliner Seite aus, um einen Fluchtweg zu finden. „Er hat“, so Gebhard, „sogar seine Flucht fotografisch dokumentiert.“

Der Leser reist mit

Geschichten wie diese hat Gebhard in dem Buch festgehalten, das mehr ist als ein Bildband. Der Leser kann die Reise mit dem Bulli mitverfolgen und den Menschen auf diese Weise selbst begegnen. Er fährt mit auf steinigen Pfaden im Norden Albaniens oder auf kurvigen Straßen am Großglockner, setzt mit „Erwin“ über auf einer Donaufähre und begegnet auch den beiden albanischen Polizisten, die „Erwins“ Autonummer „PB-ON 5H“ betrachteten und prompt fragten: „PB, steht das für Paderborn?“

Übernachtung in Jugendherbergen und Pensionen

Auf der Reise übernachteten Gebhard und sein Assistent meistens in Pensionen oder Jugendherbergen und auch mal auf dem Campingplatz, sie genossen traumhafte Natur und trafen die unterschiedlichsten Menschen. Eine Begegnung hatte der Fotograf sogar schon zum zweiten Mal – in Norwegen.

Wiedersehen mit Erling in Norwegen

„Als junger Mann war ich dort mit meiner damaligen Freundin gewesen und hatte einen Mann namens Erling getroffen. Bei meiner jetzigen Reise hielt ich an einer Tankstelle im Ort an und erzählte dem Tankwart davon. Der Mann kannte Erling nicht nur, sondern holte ihn gleich herbei!“ Erling konnte sich allerdings nicht mehr an Gebhard erinnern – an die frühere Freundin indessen schon…

„Erwin“ ist ein Brasilianer

Bulli „Erwin“ machte alles mit bei der langen Reise. Kein Weg war ihm zu uneben, keine Etappe zu lang. Der alte VW ist zwar nicht schnell (Gebhard: „Ich fahre maximal 115 km/h“), aber erstaunlich robust. Kein Wunder – er gehörte einst einem Bauern im Süden Brasiliens, der ihn viele Jahre als vierrädrigen Lastenesel nutzte. Mittlerweile steckt der zweite oder auch dritte Tacho in dem Wagen, aber einige 100.000 Kilometer hat er auf dem Buckel.

Getriebeschaden bei Kiruna

Die Strecke zum Nordkap hat der Bulli gut bewältigt, und erst auf dem Rückweg ging er kurz hinter Kiruna buchstäblich in die Knie – Getriebeschaden. „Meine Tochter hatte mir eine Puppe als Talisman mitgegeben, die uns auch sicher bis zum Nordkap gebracht hat“, lächelt der Fotograf. „Aber wir hatten nicht an den Heimweg gedacht.“ Die Folge: Gebhard und sein Assistent mieteten sich einen Golf und „Erwin“ wurde per LKW nach Deutschland zurückgebracht. Inzwischen ist er repariert und begleitet den Fotografen zu seinen Terminen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Bei Vorträgen ist „Erwin“ sofort Gesprächsthema (und Fotomotiv) Nummer 1. „Er passt zur Sehnsucht vieler Menschen, herunterzukommen und nicht immer nur aufs Gas zu treten“, glaubt Gebhard. Die weite Reise war denn auch ein bisschen die Entdeckung der Langsamkeit. Ein Bulli macht so etwas mit den Menschen…

„Das große Bulli-Abenteuer“ – Infos

192 Seiten mit 300 Fotos, Verlag Frederking & Thaler, 39,99 Euro.

 

Peter Gebhard hält regelmäßig Vorträge über die Reise – Infos auf www.peter-gebhard.de/tournee

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