Frankreich, Länder, my little luxury, Reisen

Die Entdeckung der Langsamkeit auf dem Canal du Midi

Ein Wasserweg vom Atlantik zum Mittelmeer – diesen Traum hatten die Menschen schon vor sehr langer Zeit. Denn damit könnte man sich den 3000 Kilometer langen Weg um die Iberische Halbinsel herum sparen. Verwirklicht wurde der Traum mit zwei französischen Wasserstraßen. Eine davon ist der Canal du Midi (der Vollständigkeit halber: der zweite ist der 196 Kilometer lange Canal latéral à la Garonne).

Canal du Midi: von Toulouse zum Mittelmeer

Wer heute am Ufer des Canal du Midi steht, der kann sich kaum vorstellen, dass die 240 Kilometer lange Wasserstraße schon sehr alt ist. Schon 1681 wurde sie vollendet. Von Toulouse aus führt sie durch Städte wie Castenaudary, Bram, Carcassonne, Trèbes, Capestang, Béziers und Agde, vorbei an wunderschönen Landschaften in den Départements Midi-Pyrénées und Languedoc-Roussillon. Offizieller Anfang des Kanals ist der Übergang vom Canal lateral à la Garonne, und bei Les Onglous mündet er in den Étang de Thau.

Anfänge schon in römischer Zeit

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte des Kanals: Schon in römischer Zeit hatte man überlegt, eine Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer zu bauen. 20 Kilometer entstanden zu Zeiten von Kaiser Augustus – sie sind heute Teil des Canal de la Robine von Moussoulens bis Port-la-Nouvelle bei Narbonne. Später plante eine Expertengruppe um Leonardo da Vinci eine weitere Wasserstraße, die aber nicht verwirklicht wurde, weil in der dafür vorgesehenen Region im Languedoc nicht ausreichend Wasser vorhanden war.

Pierre-Paul Riquet entwarf den Kanal

Erst um 1642 machte sich Pierre-Paul Riquet, ein Ingenieur aus Béziers, an Planungen für den heutigen Canal du Midi. Er hatte sich schon als Kind für einen solchen Bau interessiert, hatte vergleichbare Kanäle studiert und wagte sich schließlich an sein Meisterwerk. 1667 begann der Bau – ein großes Vorhaben, denn das Wasser musste 30 Kilometer transportiert werden. Man musste Bäche stauen und umleiten, Höhenunterschiede überwinden und eine Talsperre bauen. Der Canal du Midi entstand in mehreren Etappen.

Bis zu 12.000 Arbeiter waren am Werk

Zeitweise waren bis zu 12.000 Arbeiter beschäftigt, und zu den verbreitetsten Werkzeugen gehörten Hacken, Schaufeln und Ochsenkarren. Umso erstaunlicher ist es, dass der Bau bis zum ersten Probebetrieb nur 14 Jahre dauerte. 1681 war der Kanal fertig.

63 Schleusen und eine Brücke für Schiffe

63 Schleusen überbrücken Höhenunterschiede, 30 davon werden auch heute noch von Schleusenwärtern betrieben. Die wohnen gleich nebenan und manche von ihnen verdingen sich nebenbei als Händler und bieten Kunsthandwerkliches oder Lebensmittel aus der Region an. Zu den spektakulärsten Bauten gehört die insgesamt 300 Meter lange Schleusentreppe von Fonserannes bei Béziers, die Schiffe innerhalb von 30 bis 45 Minuten passieren.

Zur Anlage gehört auch eine Kanalbrücke über den Fluss Orb. Sie entstand, weil der Orb nicht immer ausreichend Wasser führt. Mit dem Schiff auf einer Brücke – dieses Gefühl kann man hier erleben. Auch einen Tunnel und weitere Brücken gibt es im Canal du Midi, außerdem Häfen, in denen die Boote anlegen können.

Baumreihen entlang des Wassers

Beliebte Fotomotive sind die Baumreihen, die mancherorts entlang des Kanals gepflanzt wurden. Weiden, Pappeln, Maulbeerbäume und Platanen sorgen für Schatten.

Haus- und andere Boote

Genutzt wird der Canal du Midi, der seit 1996 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, als Transportweg für Waren und Post, heute aber ist er hauptsächlich ein Ferienvergnügen für Hausboot-Kapitäne und kleine Jachten. Für Hausboote benötigt man keinen Führerschein, es genügt, sich vom Vermieter kurz erklären zu lassen, wie das Boot bewegt wird. Wer mit dem eigenen Boot anreist, braucht allerdings ein Binnenschiffahrts-Patent. Boote mieten kann man z.B. bei „France Fluviale“ und bei „Le Boat“. Preise: ab 168 Euro für drei Nächte.

Unterwegs mit dem Ausflugsschiff

Die dritte Möglichkeit, den Kanal zu erkunden, ist eine Fahrt mit dem Ausflugsschiff. Unternehmen wie „Les Bateaux du soleil“ (6 rue Solferino – Port Chassefiéres in Agde) und „Les Bateaux du Midi“ (14 rue des écluses 34500 Béziers) bieten Bootstouren von unterschiedlichen Orten aus an.

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Eine Fahrt mit dem Hausboot auf dem Canal du Midi ist das reinste Urlaubsvergnügen. Denn die Boote dürfen nur sieben Stundenkilometer schnell fahren – man ist also langsam genug, um die wunderschöne Umgebung richtig in sich aufnehmen zu können. Hektik ist ein Fremdwort, selbst Entenfamilien können bei dem Tempo mithalten. Lieblingsbeschäftigung der Freizeitkapitäne, wenn sie nicht gerade eine der Schleusen überwinden müssen: Beine baumeln lassen und Wolken zählen – sofern welche am Himmel zu sehen sind. Verfahren kann man sich ja nicht auf dem Canal du Midi…

Canal du Midi – Informationen

  • Lage: zwischen Toulouse und Étang de Thau in der Nähe von Séte am Mittelmeer
  • Schleusen: 63
  • Länge: 240 Kilometer
  • Zu befahren: mit Hausboot (ohne Führerschein) oder eigenem Boot (Binnenschiffahrts-Patent nötig)
  • Hausboot mieten: z.B. www.leboat.de; www.locaboat.com/de; www.hausboot-nicols.de

Weitere Artikel über Frankreich

Anzeige:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.