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Stille Tage auf dem Darß

Es sind die stillen Tage, die den Darß so besonders machen. Diese Halbinsel, die mit vollem Namen Fischland-Darß-Zingst heißt und im Sommer von der Liebe der Menschen manchmal fast erdrückt wird. Im Herbst und Winter aber ist man mit dieser Landschaft fast allein.

Darß: Durch den Wald zum Weststrand

Fünf Kilometer sind es vom Örtchen Prerow aus zum Weststrand, an dem das Meer direkt auf den dichten Darß-Wald trifft. Hier wird seit Jahrtausenden der Kampf der Urgewalten ausgefochten. Baumskelette, vom Salzwasser grauweiß gefärbt, säumen den breiten Strand, und die Dünen liegen mal ganz dicht am Wasser, mal weiter entfernt. Das Meer nagt an der Landschaft und sorgt dafür, dass sie unentwegt ihr Gesicht verändert.

Dünengras mit Eiskristallen

Wenn die sommerliche Hitze verschwunden ist, zieht es nur noch wenige Menschen hierher. Die Sandburgen aus dem Sommer sind verlassen, und wer kommt, zieht sich dicke Schichten an, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen. An manchen Tagen sind die Wasserpfützen mit einer zarten Eisschicht überzogen und das Dünengras trägt Raureifkristalle. Wer nicht mit offenen Augen durch die Landschaft wandert, kann solche kleinen Wunder leicht übersehen.

Begegnung mit Strandläufern

Es ist die Zeit der Genießer. Der Wind bläst winzige Salzkörnchen und Sand vor sich her, Möwen segeln durch die Luft und ab und zu sieht man Scharen winziger Strandläufer. Diese Vögel sind ein bisschen wasserscheu, gleichzeitig aber so neugierig, dass sie sich immer wieder dicht an die Gischt heranwagen. Um dann eilig wegzutrippeln, wenn das Wasser näherkommt.

Mit den Füßen ins Eiswasser

Die menschlichen Strandläufer machen es sehr ähnlich. Wenn es auch nur ein bisschen warm ist, wagen sie sich mit nackten Füßen ein paar Zentimeter ins eisige Wasser und flüchten, wenn eine größere Welle auf sie zukommt. Wer die Schuhe danach wieder anzieht, genießt das Kribbeln – und wenig später die Wärme, die den ganzen Körper durchzieht.

Paradies für Muschelsucher und Bernsteinsammler

Es ist die Zeit der Muschelsucher. Oder der Bernsteinsammler. Einige nehmen diese Aktivität so ernst, als hinge ihr Leben davon ab. Die meisten aber lassen den Blick schweifen, heben hier und da ein goldgelbes Etwas auf, das oft eine Glasscherbe ist, manchmal aber auch dieser Stein, der aus dem Harz von Urzeitbäumen entstanden ist – und den etwas Magisches umgibt.

Begegnung mit einem Hühnergott

Wer genau guckt, entdeckt mit etwas Glück auch Hühnergötter. So nennt man Feuersteine, die durchgehende Löcher haben. Den Namen verdanken sie ihrer einstigen Nutzung: An einen Faden gehängt sollten sie früher Hühner und anderes Geflügel vor bösen Geistern schützen. Heute schmücken sie vor allem Häuser – aber wer weiß: Vielleicht schützen sie ja tatsächlich vor den Geistern?

Graue Gedanken werden einfach weggeweht

Man kann sich stundenlang am Weststrand aufhalten. Den Möwen zuhören, sich vom Winde verwehen lassen, im Sand liegen und den Wolken zusehen. Graue Gedanken verschwinden ganz schnell in dieser Landschaft, in der die Bäume vom Wind gebeugt werden. Im Winter kann man die Strukturen ihrer Äste besonders gut sehen.

Buchen mit Moospolster

Es ist auch der Wald, der diese Landschaft so besonders macht. Er endet direkt am Strand, und wer ihn einfach unbeachtet mit dem Fahrrad durchquert, dem entgeht viel. Bizarr geformte Buchen mit einem dichten Mantel aus Moos zum Beispiel und ein paar Meter weiter sumpfig-feuchte Erlenbruchgebiete, Dünenwälder mit mächtigen Kiefern, Heideflächen und dichte Schonungen.

Eine Landschaft, von der Natur selbst geformt

Dieser Wald ist so abwechslungsreich, weil er von der Natur geformt wurde (auch wenn der Mensch natürlich eingegriffen hat). Auf den einstigen Dünen wachsen Kiefern und in den dazwischenliegenden Senken fühlen sich Erlen wohl. Und auch viele Tierarten: Im Frühling nutzen Kraniche die Senken als Kinderstube – hier sind sie sicher vor ungebetenen Besuchern. Die nämlich würden im feuchten Boden einfach steckenbleiben.

Wandern am alten Meeresufer

Ein Netz aus Wegen durchzieht den Darß-Wald, und sie alle sind so unterschiedlich wie der Wald selbst. Einer der schönsten führt direkt am einstigen Meeresufer vorbei. Das Meer selbst ist von dieser Stelle inzwischen kilometerweit entfernt – hier sieht man, wie sich die Landschaft im Lauf der Jahrtausende verändert hat. Der Weg gewährt Blicke auf und über die Große Buchhorster Maase, eine fast baumfreie feuchte Wiesenfläche. Und auf uralte Buchen, deren Ende irgendwann gekommen ist – ihre bizarr geformten Skelette geben diesem Bereich des Waldes seine besondere Atmosphäre.

Waten durchs Laub – ein Riesenspaß

Wer diesen Weg nimmt, muss aufs Fahrrad verzichten, denn er ist mehr ein Pfad, einer, auf dem umgestürzte Bäume liegen bleiben dürfen und das Laub knöchelhoch liegt. Durchzuwaten ist ein Riesenvergnügen, das sich auch sehr erwachsene Menschen gönnen.

Wo Eile zum Fremdwort wird

Wer es sonst gerne eilig hat im Leben, den bremst der Wald. Das liegt an den Wegen, die irgendwann zu schmalen Pfaden werden. An den knallgrünen Moosbetten mit dekorativem Pilz-Schmuck. An den Bäumen, die so bizarr geformt sind, als seien sie mitten in einer Bewegung erstarrt. Und an der Stille, die immer lauter wird, je näher man dem Strand kommt.

Aufwärmen bei Tee und Kuchen

Der Winter ist die Zeit, in der man nur auf eines achten muss: die Dunkelheit. Die senkt sich oft schon am späten Nachmittag über den Darßwald. Und dunkel bedeutet im Darß-Wald: stockfinster. Um 16 Uhr spätestens sollte man ihn hinter sich lassen. Und gönnt sich danach noch einen ganz besonderen Luxus: einen Besuch in der Teeschale, einem entzückenden kleinen Lokal in Prerow.

Tee (mein Tipp: der „Leuchtturmwärter“ mit einem Schuss Alkohol wärmt ganz wunderbar), hausgebackener Kuchen, ein kleiner Plausch mit den Mitarbeitern und leise Musik sind das beste Mittel, sich wieder aufzuwärmen und auch den letzten Rest Stress und Alltagsgrau zu vertreiben.

Infos Darß

  • Anreise: A 19 bis Rostock-Ost, B 105 bis Altheide, hinter dem Ort der Beschilderung folgen. Orte auf der Halbinsel: Wustrow, Ahrenshoop, Born, Wieck, Prerow, Zingst
  • Teeschale: Waldstraße 50, Prerow, www.teeschale.de
  • Unterkünfte: Verzeichnis auf der Seite www.fischland-darss-zingst.de

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