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Eine Weihnachtsgeschichte

Der Winter kam in diesem Jahr früher als gewöhnlich nach Winkelberg. Schon im November heulten eiskalte Stürme durch die kahlen Bäume und schleuderten die letzten Herbstblätter durch die Luft. Die Menschen verschanzten sich hinter ihren Öfen. Wer sein Haus verlassen musste, zog den dicksten Pullover und die Windjacke an und stemmte sich dann mit aller Kraft gegen den feindlichen Wind.

Auf dem Weg in den Wald

Nur einen zog es bei Wind und Wetter in den Wald: Karl Malkenthien verließ jeden Morgen um Punkt acht Uhr sein Haus hinter dem Dorfteich, lief ein Stück durch die menschenleere Dorfstraße und stapfte dann gleich hinter der Kirche den schlammigen Weg in Richtung Wald. Sein verschlissener grüner Anorak und der braune Wollrucksack ließen ihn schnell mit der Landschaft verschmelzen.

Die Dörfler waren misstrauisch

Erst vor drei Monaten war Malkenthien nach Winkelberg gezogen. In das kleine Haus, das leer stand, seit vor einem Jahr Oma Mohnhaupt darin gestorben war. Und die Winkelberger waren abergläubisch – in einem Haus, in dem schon jemand gestorben war, mochte niemand wohnen. Karl Malkenthien indessen, der Fremde, wusste nichts von Oma Mohnhaupt und dem Aberglauben der Winkelberger. Er trug eines Tages ein Bettgestell, eine alte Matratze und einen Lederkoffer in das Haus und hängte ein hölzernes Schild mit der Aufschrift „Karl Malkenthien“ neben die Klingel. Nicht, dass jemand geklingelt hätte. Die Winkelberger waren misstrauisch, beäugten den Neuankömmling, der nur ein Bett zu besitzen schien, mit Argwohn und wachem Blick.

Nur die Kinder erwiderten sein Lächeln

Der kauzige Fremde schien die Ablehnung nicht zu spüren. „Guten Morgen“ grüßte er jeden, der ihm begegnete. Antwort bekam er nie. Nur die Kinder erwiderten sein Lächeln, bis sie von ihren Müttern weggezerrt wurden. Unverdrossen stapfte Malkenthien dann weiter in Richtung Wald.

In der Bäckerei

Doch an diesem Tag war etwas anders. Malkenthien änderte seine Route. Er wanderte an der Kirche vorbei und betrat die Dorfbäckerei. Nur eine Kundin stand an der Theke und sprach mit der Bäckersfrau.

„Guten Morgen!“

Die Frauen unterbrachen ihr Gespräch und starrten ihn an.

„Ein Brötchen, bitte“, bestellte der Mann und legte eine Euro-Münze auf die Theke. Die Verkäuferin sah die Münze an, griff nach einem Brötchen und steckte es in eine Tüte, die sie ihm wortlos reichte. Malkenthien dankte, lüftete seinen speckigen Hut und verschwand in Richtung Wald. Die Frauen sahen ihm nach. „Wie der aussieht…“, murmelte die dicke Sofia Meier. „Und jeden Tag geht er in den Wald. Der hat doch bestimmt etwas zu verbergen.“ Maria Kaufmann, die Bäckersfrau, nickte zustimmend.

Klatsch und Tratsch

„Habt ihr schon gehört“, ächzend vom schnellen Gehen kam Gerda Beierlein in die Bäckerei. „Bei den Bauers ist eingebrochen worden. Der Fernseher wurde gestohlen.“ Frau Meier und die Bäckersfrau sahen sich verschwörerisch in die Augen. „Malkenthien“, wisperte die eine, die andere nickte. Ganz klar, der musste es gewesen sein, und draußen im Wald, da hatte er sein Diebesversteck.

Karl Malkenthien wusste nichts von den bösen Gedanken. Pfeifend marschierte er durch den Wald. Der Regen hatte aufgehört, nur die Wassertropfen, die von den kahlen Bäumen auf die Erde fielen, waren zu hören. Vor einem besonders schönen Steinpilz ging er in die Knie.

Die Begegnung

„Was ist denn das?“, hörte er ein Stimmchen hinter sich. Malkenthien drehte sich um. Vor ihm stand ein kleines Mädchen. „Das ist ein Steinpilz“, lächelte er. „Und wer bist du?“

„Marie“, sagte die Kleine und starrte ihn an. „Ich habe mich verlaufen.“

Malkenthien drehte den Pilz vorsichtig aus der Erde und steckte ihn in seinen Rucksack. Dann reichte er dem Kind die Hand. „Komm mit, ich bringe dich ins Dorf zurück.“

Marie nahm die große Hand und stapfte neben ihm her. „Wo wohnst du?“ wollte sie wissen. Malkenthien lächelte. Seine Augen waren von einem intensiven Blau, das faltige Gesicht wettergegerbt. „Woher ich komme? Das kann ich dir erzählen…“ Plaudernd wanderten der kauzige Mann und das kleine Mädchen durch den Wald.

Besuch im Wald

Am nächsten Tag stand Marie wieder auf der Lichtung, als Malkenthien, beladen mit Reisig, angewandert kam. „Hallo“, sagte er erstaunt. „Hast du dich wieder verlaufen?“

„Nein.“ Das Kind schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich besuchen.“
Malkenthien nickte. Er zeigte Marie einen Eichelhäher, der durchs Gebüsch flog, und einen Fuchsbau. Dann nahm er die Hand des Mädchens und begleitete es nach Hause.
Marie kam fast jeden Tag, und ab und zu brachte sie Jens, den Bäckerssohn, oder Janine, die Tochter des Pfarrers, mit. Malkenthien zeigte ihnen „seinen“ Wald.

Die Polizei an der Tür

Eines Morgens, früh um halb acht, klingelte es bei Malkenthien an der Tür. Zwei Polizisten standen draußen.
„Herr Malkenthien?“, fragte einer. Malkenthien nickte.
„Wir müssen Sie festnehmen, Sie sind beim Einbruch ins Gemeindehaus beobachtet worden“, sagte der junge Beamte und schielte hinter Malkenthien vorbei in dessen Wohnzimmer.
„Einbruch? Ich?“ Malkenthien schien verwirrt. Dennoch nahm er seine speckige Jacke und folgte den Polizisten.
Auf der Straße standen zwei Frauen. „Siehst du, ich habe es ja immer gewusst“, zischte die eine, und die andere nickte eifrig.
Der Polizeiwagen mit Malkenthien und den beiden Beamten fuhr an ihnen vorbei, Malkenthien guckte starr nach vorn.

Gefängnis – was ist das?

Am nächsten Morgen holte ein Beamter in einem Koffer weitere Sachen aus Malkenthiens Wohnung. Plötzlich klingelte es. Der Beamte öffnete erstaunt. Vor ihm stand Marie, deren strahlendes Lächeln erstarb, als sie den Polizisten sah. „Herr Malkenthien“, fragend sah das Kind den Mann an, „ist er ausgezogen?“
Der Beamte schüttelte den Kopf.. „Nein, er ist im Gefängnis.“
„Gefängnis, was ist das?“
„Er hat etwas Böses getan und muss jetzt in einer Zelle sitzen“, erklärte der Polizist.
Maries Augen füllten sich mit Tränen. „Das ist nicht wahr“, sagte sie zornig, „er tut niemandem etwas Böses.“ Weinend lief sie davon, der Polizist sah ihr ratlos nach.

Der Brief

Einige Tage später erreichte ein Brief das Polizeipräsidium. „Lieber Herr Polizeipräsident“, satand darin in krakeliger Kinderschrift. „Sie haben Herrn Malkenthien ins Gefängnis gesteckt. Aber er hat nichts Böses getan, das weiß ich. Er ist doch der Weihnachtsmann, und der tut niemals etwas Böses.“
Der Polizeipräsident las den Brief mit leisem Schmunzeln. Doch danach warf er ihn nicht weg, sondern vereinbarte einen Gesprächstermin mit Malkenthien. Denn heute war Weihnachten, und solch ein Tag erweichte das Herz des erfahrenen Polizisten.

Ein kurzes Gespräch

Etwas zerlumpt sah der Gefangene aus, sein Bart war gewachsen. Doch seine Augen strahlten, und sie waren von einem ungewöhnlichen Blau. Prüfend sah ihn der Polizeipräsident an und reichte ihm dann schweigend den Brief. Während Malkenthien las, flog ein Lächeln über sein Gesicht. Dann gab er das Papier zurück und lächelte den Polizeipräsidenten an. Als er ihm in die Augen blickte, glaubte der Polizist, leisen Gesang zu hören. Und er ahnte, dass dies ein Augenblick war, den er niemals vergessen würde.

Goldstaub

Am nächsten Tag war Malkenthiens Zelle leer. Wo er gelegen hatte, fanden die Wachleute feinen Staub, der wie Gold glänzte. Der Raum war verschlossen gewesen, das Fenster unversehrt. Der herbeigerufene Polizeipräsident begutachtete die Zelle, doch ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Mit einer Hand fuhr er durch das Häufchen Goldstaub und zerrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Keine Suche starten“, sagte er zu den verdutzten Wachmännern.
Und lächelte versonnen.

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