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Die bunte Welt des Friedensreich Hundertwasser

Ich bin ein großer Fan von Friedensreich Hundertwasser. Und von den Häusern, die er entworfen hat. Sie wirken wie bunte Lebewesen, und wer einmal eines von nahem gesehen hat, der kann sich vorstellen, welchen Einfluss eine solche Umgebung auf das Wohngefühl hat. Und darauf, wie man sich Wohnen überhaupt vorstellt.

Hundertwasser und die Natur

Der österreichische Künstler, der eigentlich Friedrich Stowasser hieß und sich von Träumen inspirieren ließ, hatte sehr feste Vorstellungen von einem Leben mit der Natur. Städte, davon war er überzeugt, müssen grün sein. Das merkt man an seiner Architektur, die in Einklang mit der Natur steht. „Wir leben heute in einem Chaos der geraden Linien, in einem Dschungel der geraden Linien. Wer dies nicht glaubt, der gebe sich einmal die Mühe zu zähle die geraden Linien, die ihn umgeben, und er wird begreifen; denn er wird niemals ans Ende gelangen“, schrieb er 1958 in seinem „Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur“.

Das Haus als dritte Haut des Menschen

Hundertwasser-Haus Magdeburg
Hundertwasser-Haus Magdeburg

Und setzte hinzu: „Ein Mann in einem Mietshaus muss die Möglichkeit haben, sich aus seinem Fenster zu beugen und – so weit seine Hände reichen – das Mauerwerk abzukratzen. Und es muss ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel – so weit er reichen kann – alles rosa zu bemalen, so dass man von weitem, von der Straße, sehen kann: Dort wohnt ein Mensch der sich von seinen Nachbarn unterscheidet…“

Fenster-Recht nannte  Hundertwasser das – für ihn war ein Haus mehr als nur ein Gebäude, er sah es als die dritte Haut des Menschen. Und wenn man darüber nachdenkt: Er hatte Recht!

Keine geraden Linien

Die Gebäude, die Hundertwasser schuf, sind Kunstwerke ohne gerade Linien, aber mit viel Farbe, mit ungewöhnlichen Formen, unebenen Böden und vielen Säulen und anderen kleinen Details. Es sind Gegenentwürfe zum heute üblichen rationalen, sterilen und oft eintönigen Baustil. Einige Bauwerke haben Grasdächer, fast alle bunt eingerahmte Fenster.

Der Künstler war ein Vorreiter des ökologischen Bauens. Deshalb gehörten Bäume für ihn immer dazu, ob an der Fassade oder auf den Dächern. „Baummieter“ nannte er sie und begründete diese Idee damit, dass er der Natur einen Platz in seinen Gebäuden zurückgeben wolle. Auch dafür fand er einen Begriff: „Baumpflicht“. Sie bedeutet die Wiederherstellung des Dialoges mit der Natur, denn nach seiner Überzeugung war „ein tägliches Leben ohne intimen Kontakt mit Bäumen, Pflanzen, Erde und Humus“ menschenunwürdig.

Besuch in der Grünen Zitadelle in Magdeburg

Hundertwasser-Haus Magdeburg
Hundertwasser-Haus Magdeburg

Die Grüne Zitadelle in Magdeburg ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Architektur Hundertwassers. Das „grün“ bezieht sich auf die vielen Bäume und Pflanzen, nicht auf die Farbe der Fassade – die nämlich ist grün. Es gibt unregelmäßige Linien, Spiralen (sein Markenzeichen, das Symbol des Lebens und des Todes), Türme mit Zwiebelkuppel, unterschiedliche Fensterformen, Säulen, krumme Wege und einen schönen Innenhof.

Normalerweise werden Führungen angeboten, aber sie müssen aufgrund von Corona im Moment leider ausfallen. Es lohnt sich aber sehr, auf eigene Faust herumzugehen (zum Beispiel bei einer Tour auf der Straße der Romanik). Eine Tafel informiert über das Gebäude und den Architekten.

Ein anderer Blick auf Architektur

Nach einem solchen Anblick betrachtet man die Gebäude einer Stadt mit anderen Augen. Und muss Friedensreich Hundertwasser in vielen Punkten Recht geben. Zum Glück gibt es noch weitere Häuser von ähnlich phantasievollen Architekten. Zu den Gebäuden, denen Hundertwasser eine „gesunde Architektur“ bescheinigte, gehören die von Antoni Gaudì in Barcelona. Auch sie sind eigenwillige Blickfänge voller Magie.

Wunderschönes Kinder-Bilderbuch

Buchcover
Buchcover

Vor ein paar Tagen habe ich ein wunderschönes Kinder-Bilderbuch über Hundertwassers ungewöhnliche Architektur durchgeblättert. Es ist im Februar zum 20. Todestag des weltberühmten Künstlers, Philosophen, Grafikers, Öko-Aktivisten und Malers erschienen.

„Hundertwasser – Ein Haus für dunkelbunte Träume“ befasst sich mit dem Hundertwasser-Haus in Wien, dem wohl berühmtesten Entwurf des Künstlers.

Die Französin Géraldine Elschner erzählt darin die Geschichte der kleinen Maya, die mit ihren Freunden Leo und Lea und dem Papagei Coco beobachtet, was auf dem Grundstück gegenüber von ihrem Haus so alles passiert.

Bisher stand dort nur ein großer alter Baum, jetzt aber rücken Bauarbeiter mit ihren schweren Geräten an. Was wird wohl aus dem Baum? Die vier staunen über das Haus, das dort gebaut wird. Es ist höher als der Baum und so bunt….

Herrliche Zeichnungen

Natürlich ist klar, um welches Haus es sich handelt, und vor allem um welchen Architekten. Die Geschichte ist einfach, aber sehr liebenswert erzählt, aber was das Buch wirklich sehr besonders macht, sind die Zeichnungen von Lucie Vandervelde. Sie sind bunt und verspielt wie die von Hundertwasser selbst. In ihrer Arbeit setzt die Illustratorin Mosaik-, Schachbrett- und Karomuster ein und ist bei jeder einzelnen Zeichnung unglaublich detailverliebt.

Spannend auch für Erwachsene

Schon das Cover mit der goldbunten Zeichnung auf blauem Untergrund ist ein Traum – ich bin sicher, dass auch viele Erwachsene ihre Freude an dem Buch haben. Am Ende des großformatigen Werkes stehen noch einige Informationen über Hundertwasser, seine Architektur, seine Einstellungen zur Ökologie und zum Wiener Hundertwasserhaus. Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro.

Ausstellung in Ludwigsburg

Mehr über Hundertwasser kann man gerade im Residenzschloss Ludwigsburg sehen. Dort läuft noch bis 5. Juli die Ausstellung „Hundertwasser – Friedensvertrag mit der Natur“ (trotz Corona ist sie zugänglich)

Wer war Hundertwasser?

Hundertwasser-Haus Magdeburg
Hundertwasser-Haus Magdeburg

Friedensreich Hundertwasser wurde 1928 in Wien geboren. 1948 nahm er an der Akademie der bildenden Künste den Namen Hundertwasser an. In den 1950-er Jahren war er ein wichtiges Mitglied der internationalen Avantgarde in Paris, in der Zeit entstand auch seine Bildsprache. In den 1980er Jahren begann er mit Architektur-Entwürfen.

Später lebte er auf einem Bauernhof am Rand der Normandie, er war Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, hatte Ausstellungen in Japan, den USA, Italien (Biennale in Venedig), Australien und Neuseeland. Dort kaufte er in der Bay of Islands 1973 mehrere Grundstücke, die insgesamt 372 Hektar groß waren. Sein Ziel war, das Land der Natur zurückzugeben. So pflanzte er über 100.000 einheimische Bäume, schuf Kanäle, Teiche und Pflanzenkläranlagen. Auf dem Gelände nutzte er Wasser- und Sonnenenergie und baute Humustoiletten. A propos Toilette: Im Ort Kawakawa auf der Nordinsel Neuseelands gibt es eine öffentliche Toilette, die er im typischen Hundertwasser-Stil entwarf.

Tod auf dem Kreuzfahrtschiff

Friedensreich Hundertwasser starb am 19. Februar 2000 bei der Rückseite auf der Queen Elizabeth 2 an Herzversagen. Er wurde auf seinem Grundstück in Neuseeland beerdigt. Neben seinem Grab steht seither ein Tulpenbaum. Die berühmtesten Bauten Hunderwassers sind neben den Häusern in Wien und Magdeburg das Rogner Bad Blumau in der Steiermark, das Ronald-Mc-Donald-Haus im Essener Grugapark, eine Kindertagesstätte in Frankfurt-Heddernheim, und das Wohnhaus am Quellenpark in Bad Soden am Taunus.

Weitere Infos über den Künstler

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