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Synästhesie: Wenn Zahnschmerzen dreieckig sind

Zahnschmerzen fühlen sich für Michael Haverkamp dreieckig an. Und die Oboe klingt gelb. Seinen Namen sieht der Kölner Ingenieur farbig – das „i“ etwa ist leuchtend gelb, das „e“ knallgrün. Worüber andere staunen, das ist für ihn ganz normal.

Synästhesie: verkoppelte Sinnesqualitäten

„Es war schon immer so“, sagt Haverkamp und nennt seine ungewöhnliche Fähigkeit beim Namen: Synästhesie (syn = zusammen; aisthetis = Empfindung) heißt diese seltene Verkoppelung von Sinnesqualitäten, die nach Ansicht von Experten etwa fünf Prozent der Menschen besitzen. Sie können mehrere Sinne verknüpfen, also zum Beispiel Farben hören und Töne sehen.

Buchstaben und Zahlen sind farbig

Dass er ein bisschen anders ist als seine Klassenkameraden, merkte Michael Haverkamp in der Schule.Vorher hatte er es als ganz normal empfunden, dass er Buchstaben und Zahlen farbig sieht. Doch als er es im Unterricht erwähnte und die Mitschüler über ihn lachten, merkte er, dass ihnen diese Fähigkeit fehlt. Und behielt fortan für sich, dass die 1 grau ist und die 6 orange. Die Farben spürt Haverkamp im Kopf. Er hört oder sieht ein Wort und empfindet es farbig – auch wenn er es schwarz auf weiß gedruckt sieht.

Viele Koppelungen sind möglich

Beinahe alle Kopplungen sind möglich bei Synästhetikern. Wohl am häufigsten ist die Verbindung zwischen Buchstaben und Farben, gefolgt vom „Farbenhören“. Manche Synästhetiker verbinden aber auch Farben oder Formen mit Düften, andere mit Geschmäckern oder sogar mit Schmerzen. Die Farben oder Formen sind von Mensch zu Mensch verschieden, aber beim Einzelnen bleiben sie immer konstant.

Die “falsche” Farbe kann sehr irritieren

Ist das „A“ für einen Synästhetiker blau, kann es für einen anderen dunkelgrün sein. Die Farben sind so fest verankert, dass es einen Synästhetiker sehr irritieren kann, wenn er einen Buchstaben in der für ihn „falschen“ Farbe sieht.

Blaues “G” und gelbes “I”

Auch Michael Haverkamp hat eine feste Farbenpalette, mit einem blauen „G“, einem grünen „A“ und einem gelben „I“. Wenn er liest, verschmelzen die Buchstaben zu Wortfarben und sorgen dafür, dass er einen regelrechten „Film“ sieht.

Dissonante Musik ist farblich interessanter

Doch Haverkamps Gehirn vermag noch mehr: „Irgendwann vor vielen Jahren merkte ich, dass ich auch beim Musikhören Farben empfinde“, erinnert sich der 60-Jährige. Zwar kannte er zu der Zeit die Bezeichnung Synästhesie noch nicht, aber er begann sofort, zu überlegen, wie man Töne als Bild darstellen könnte. Inzwischen haben die Farben längst Haverkamps Musikgeschmack beeinflusst. „Ich mag“, sagt er, „expressive Klänge. Jazz etwa, aber gerne auch dissonante Musik, denn die ist farblich noch interessanter und intensiver.“

Künstler wie Franz Liszt waren Synästhetiker

Angesichts solcher Eindrücke ist es kein Wunder, dass viele Synästhetiker Künstler sind. Der Maler Wassily Kandinsky, der Lyriker Arthur Rimbaud, der Romancier Vladimir Nabokov oder die Komponisten Franz Liszt und Alexander Skrjabin gelten als Synästhetiker, die ihre Fähigkeiten mit in ihre Kunst eingebaut haben. Auch die Pianistin Hélène Grimaud ist Synästhetikerin. „Ihre Interpretationen sind vielschichtiger als die anderer Pianisten“, erklärt Dr. Markus Zedler. Der Facharzt für Psychiatrie gehört zur Arbeitsgruppe Synästhesie an der Medizinischen Hochschule Hannover, die sich seit 1996 mit dem Phänomen beschäftigt.

Weniger anfällig für psychische Krankheiten

So stellten Wissenschaftler fest, dass es bestimmte Häufigkeiten gibt – das A etwa ist bei 50 Prozent der Synästhetiker rot. Sie bemerkten auch, dass Synästhetiker einen Text in „ihren“ Farben deutlich schneller vorlesen als Nicht-Synästhetiker – aber erheblich langsamer, wenn es die „falschen“ Farben sind. Bei ihren Forschungen erkannten die Experten auch, dass Synästhetiker selten psychisch krank oder abhängig sind.

Wissenschaftler erforschen das Phänomen

Für die Hannoveraner Wissenschaftler ist diese Tatsache, die sie noch nicht ganz ergründen konnten, eine Herausforderung – und eine Chance. Sie hoffen, die Erkenntnisse über Synästhesie eines Tages in die Therapie psychisch Kranker einbringen zu können.

Mit dem Kernspintomographen feststellbar

Sicher ist, dass diese Fähigkeit angeboren ist, eher bei Frauen vorkommt als bei Männern – und dass man sie messen kann: mit Tests (u.a. The Synesthesia Battery, www.synesthete.org), aber auch mit dem Kernspintomographen. Hier kann man feststellen, dass bei einem Synästhetiker neben dem Hör- auch das Sehzentrum aktiv ist, wenn er Musik oder Worte hört. Viele Synästhetiker aber brauchen den Beweis nicht – sie wissen ja schließlich, was sie empfinden.

Das Gehirn ist besonders aktiv

Das Gehirn eines Synästhetikers ist visuell und auditiv besonders aktiv. Es fordert sozusagen die kreative Betätigung. „Die Kommunikation im Gehirn funktioniert bei Synästhetikern schneller“, erklärt Markus Zedler und zieht Vergleiche zum Internet mit seinen analogen und DSL-Verbindungen: „Bei ihnen ist die Verknüpfung DSL-xxl.“

Problem: Reizüberflutung

Vermutlich ist es diese schnelle Verbindung, die dafür sorgt, dass Synästhetiker leichter mit Lebens-Schicksalen fertig werden. Die andere Seite der Medaille: Mit ihirem hochaktiven Gehirn sind sie stärker als andere von Reizüberflutung bedroht und haben daher häufig eine Abneigung gegen Orte wie Diskotheken oder Supermärkte. „Viele Synästhetiker haben keinen Fernseher“, hat auch Zedler festgestellt – „das Leben ist für sie auch so bunt genug.“

Emotionale Kompetenz

Für Michael Haverkamp ist es nicht nur das Bunte, das er genießt. „Ich bin in vielen Bereichen sehr offen und tolerant, wenn es um verschiedene Ansichten geht“, sagt er. Emotionale Kompetenz nennen Experten diese Eigenschaft, die bei Synästhetikern häufig vorkommt.

Eine eigene Stelle erschaffen

In seinem Beruf als Ingenieur für Fahrzeugakustik konnte Haverkamp, der seit November 2018 freiberuflich als Autor und Trainer für Multisensorische Gestaltung arbeitet, seine besonderen Fähigkeiten lange nicht so recht einbringen. Irgendwann änderte sich das: Für ihn wurde sogar eine eigene Stelle geschaffen, und als „Spezialist für multisensorische Harmonie” konnte er bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden durch Altersteilzeit an multisensorischen Konzepten der Produktgestaltung arbeiten.

Musik fühlt sich an wie eine Lichtshow

Auch privat spielen Haverkamps Fähigkeiten eine wichtige Rolle: Er spielt Flöte und Saxophon und liebt die musikalische Improvisation, die sich für ihn anfühlt wie eine visuelle Form, vergleichbar mit einer Lichtshow. Außerdem beschäftigt er sich mit Industriedesign und visueller Gestaltung.

Synästhesie kann vererbt werden

Haverkamp hat mit seinen Eltern nie über seine Fähigkeit gesprochen – er weiß nicht, ob einer von ihnen ebenfalls Synästhetiker war. Seine 16 und 18 Jahre e alten Söhne haben sie wohl nicht geerbt. Aber allein ist er in der Familie nicht mit seiner Fähigkeit: Erst vor einigen Jahren hat er erfahren, dass seine Schwester wie er Buchstaben farbig sieht.
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