Warum es sich lohnt, das Staunen wieder zu lernen

Von Silke 13. Oktober 2025 Kommentare 3 Min. Lesezeit
Zwei Kinder schauen von einer Brücke herunter.Kinder haben die Gabe, zu staunen – und den Dingen auf den Grund zu gehen F.: Rainer Sturm / Pixelio.net

Manchmal sieht man Kinder, die vollkommen unbeweglich dastehen und etwas anschauen. Vielleicht ist es etwas, das sich bewegt und ihre Neugier entfacht. Oder es ist etwas, das sie einfach noch nie gesehen haben. Erwachsene haben diese Fähigkeit zu staunen häufig schon verloren. Sie nehmen Dinge einfach hin, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Kleine Kinder dagegen suchen nach Erklärungen für Dinge, die sie nicht kennen.

Kinder können noch staunen

Für sie ist das ein Schritt auf dem Weg zum Erwachsen-Werden. Ihre Welt ist noch neu, und sie stehen immer wieder vor Rätseln, die sie zum Anhalten – und Staunen – bringen. Es lohnt sich aber auch für Erwachsene, das wieder zu lernen. Das sagt Frank Keil, Psychologieprofessor an der US-Universität Yale. Es geht darum, wieder häufiger nach dem „wie“ und dem „warum“ zu fragen. Nicht nur, weil die Suche nach Antworten dabei hilft, Neues zu lernen. Diese Art des Staunens, die Keil meint, ist mit aktivem Denken und Engagement verbunden. Damit, über das „wie“ und das „warum“ nachzudenken.

Fragen stellen, um Zusammenhänge zu verstehen

Vermutlich hat diese Eigenschaft dazu beigetragen, dass Menschen die Motivation hatten, Dinge zu erkunden und zu entdecken. Um die Welt zu reisen und zu versuchen, Zusammenhänge zu verstehen. Indem wir uns beispielsweise fragen, wie und warum Singvögel singen, wie es die ersten Blumen des Jahres schaffen, durch den gefrorenen Boden zu brechen, und wie Tiere monatelang Winterschlaf halten können, erleben wir die ersten Frühlingstage intensiver, so Dr. Keil. Solche Fragen, die manchem Menschen belanglos erscheinen, haben schon Universalgelehrte lebenslang umgetrieben.

Hinzu komme, dass das Staunen und das dadurch geförderte Lernen dazu beitragen, dass wir uns intensiver mit anderen auseinandersetzen – auch über drängende aktuelle Probleme wie die Klimakrise. Und es könne uns vor Fehlinformationen schützen.

Dumme Fragen? Gibt es nicht

Kinder fangen schon früh an, Fragen zu stellen. Dazu gehören auch komplexere wie die, warum manche Hausdächer steil sind und andere nicht. Und sie erforschen Dinge, die sie nicht verstehen. Das verlieren viele Menschen im Lauf der Jahre. Vielleicht liegt das daran, dass irgendwann jemand auf eine Frage sagte, dass wir aufhören sollen, so dumme Fragen zu stellen. Interessanterweise sind gerade Menschen, die wir gern als Genie bezeichnen – darunter Leonardo da Vinci und Steve Jobs – diejenigen, die schon als Kinder Fragen über Fragen gestellt haben, sich nicht darum scherten, ob andere diese Fragen für dumm hielten, und die Tag für Tag staunen und daraus neue Erkenntnisse gewinnen konnten. Dr. Keil hat in den vergangenen 50 Jahren geforscht, wie Menschen die Welt um sich herum verstehen. Und er hat ein paar Strategien gesammelt, die jedem Menschen helfen können, wieder selbst zum Staunenden zu werden.

  • Introspektion: Stellen Sie sich regelmäßig die Frage, ob Sie in der vergangenen Zeit etwas Neues gelernt oder Ihr Verständnis der Welt etwas verändert haben.
  • Neue Arten des Staunens finden: Viele fangen sofort an, Suchmaschinen zu befragen. Dagegen spricht nichts, aber schauen Sie sich doch auch mal Videos an, gehen zu Veranstaltungen oder lesen Sie Bücher zu einem Thema, das Sie interessiert.
  • Rätsel suchen: Manchmal sieht man Dinge, die unerklärlich sind. Statt vorbeizugehen, halten Sie inne: Warum hat dieser Baum schon im August seine Blätter abgeworfen? Was unterscheidet einen introvertierten von einem extrovertierten Menschen?
  • Was wäre, wenn…? Fragen Sie sich, wie die Welt aussehen würde, wenn ein Geschehnis anders gewesen wäre? Ganz simpel: Was wäre passiert, wenn sich meine Eltern nicht bei dieser Geburtstagsfeier kennengelernt hätten?
  • Diskutieren, um zu lernen: Führen Sie Gespräche nicht mit der Absicht, andere von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern nutzen Sie den Dialog, um den Standpunkt des anderen zu erkennen und etwas daraus zu lernen.
  • Checkliste fürs Staunen: Notieren Sie sich Dinge, denen Sie gern auf den Grund gehen würden. Und dann beginnen Sie damit.

Was auch gut tut: Schauen Sie sich optische Täuschungen an und befassen sich genau mit dem, was Sie sehen. Das Gesicht ist gleichzeitig ein Baum, die Treppe führt nach oben und gleichzeitig nach unten, die Karos sehen unterschiedlich aus, sind aber gleich groß… – all das trägt dazu bei, das Staunen wieder zu lernen.

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